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Impuls zum 6. Sonntag im Jahreskreis - 14.02.2021

Impuls zum 6. Sonntag im Jahreskreis - 14.02.2021

von Diakon Richard Knoke

 

Evangelium: (Mk 1, 40–45)

In jener Zeit kam ein Aussätziger zu Jesus
und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie
und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen.
Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn
und sagte: Ich will – werde rein!
Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein.
Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an und sagte zu ihm:
Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat ihnen zum Zeugnis.
Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

 

In den letzten Jahren habe ich in der Familie und im Bekanntenkreis ein ungeschriebenes Gesetz der Schwangerschaft kennengelernt und erfahren: niemandem zu früh etwas erzählen. Jedenfalls nicht vor Ablauf der ersten zwölf Wochen. Oder wenigstens zehn. Oder acht? Jedenfalls schweigt man erst einmal, schließlich weiß ja keiner, ob es gut gehen wird. Man schweigt. So gut es geht. Oft nicht so gut. Einfach, weil die Schwangerschaft so in das Zentrum des eigenen Lebens gerückt ist. Sie ist immer da. Man kann kein Gespräch führen, in dem man nicht daran denken muss. Keine Speise auswählen, kein Getränk trinken, keinen Sport treiben, keine Medikamente nehmen, ohne zu entscheiden, ob das jetzt noch zulässig ist.

Und dann gibt es noch die anderen, die sind nämlich auch nicht dumm. Und irgendwann fragt jemand: „Sag mal, bist du schwanger?“ Und das war es dann mit dem Geheimnis.

Aber bei aller Vorsicht: die Frage lächelnd mit einem Blick zu bejahen, befreit auch.

Ich bin nicht besonders gut im Erkennen der Zeichen, aber einmal habe ich auch die Frage gestellt: „Sag mal, bist du schwanger?“. Und in meinem Gegenüber brach sich eine Emotion (in diesem Fall Gott sei Dank eine Begeisterung) Bahn, dass es eine Freude war. Ganz anders, als wenn sie einfach nur von sich aus etwas erzählt hätte. Dass ich gefragt habe, tut mir ein bisschen leid. Ich habe dazu gedrängt, ein Geheimnis zu verraten. Aber ein Geheimnis endlich preisgeben zu dürfen, birgt so viel Erleichterung, wiedergewonnene Freiheit, dass es das wert sein kann.

Wer zu Jesu Zeiten den Aussatz hatte, war nicht einfach nur krank. Er war obendrein ja vollkommen ausgegrenzt. Nach dem mosaischen Recht entschied der Priester, ob der Infizierte einfach einen Hautausschlag oder den Aussatz hatte. Er entschied über die gesellschaftliche Zukunft, darüber, ob Kontakte zu anderen erlaubt sein sollten oder nicht. Und das schloss den Kontakt auch zum Priester selbst ein. Und damit zu allen kultischen Zugängen zu Gott. Ein Aussätziger war damit praktisch gottverlassen.

Der Aussätzige im Markusevangelium findet sich damit nicht ab. Anstatt Distanz zu wahren, nähert er sich Jesus und bittet ihn um Hilfe. Das ist ebenso mutig wie dreist. Er hätte „Unrein, unrein!“ rufen und Abstand halten müssen. Aber er glaubt daran, dass er Hilfe erhalten kann. Und er erhält sie und ist geheilt. Das allein muss ein unerträglich wunderbares Gefühl gewesen sein. Aber dabei belässt Jesus es nicht. Er erbittet keinen Dank und keine frohe Kunde, sondern er eröffnet mit seinen Anweisungen dem Geheilten als erstes die Rückkehr in die Gesellschaft und zur Glaubensgemeinschaft, zur äußeren Sichtbarkeit seiner Zugehörigkeit zum Volk Gottes.

Das wäre eine Erzählung wert, ein Herumlaufen und Herumerzählen, einen Gang zu jedem, den man kennt. Das Gebot zu schweigen, kann den Drang eine Weile ausbremsen, aber dann bricht es umso gewaltiger hervor: der Jubel, die Begeisterung und die Erleichterung, das Geheimnis endlich preisgegeben zu haben.

Der Aussätzige teilt aber nicht nur seine Freude. Er teilt auch den Zugangsweg zur Heilung. Indem er erzählt, auf welchem Wege er Heilung erlangt hat, erklärt er sich solidarisch mit allen Menschen, die leiden. Er hätte es für sich behalten können, so wie jemand, der weiß, wo man sich gegen das Corona-Virus impfen lassen kann und es keinem anderen erzählt, nachdem er selbst den Schutz in Anspruch genommen hat. Aber er teilt sein Lob, sein Geheimnis, seinen Weg zur Heilung.

Können wir das auch? Im Glauben Grenzen niederreißen, Heilung erfahren, Gott preisen und das mit anderen teilen?

Es gibt viele Distanzen in unserem Leben, die nicht quarantänebedingt bestehen, sondern die wir selbst aufbauen. Wir schotten uns ab in unseren Familien, an unserem Arbeitsplatz, in unserem Zimmer im Pflegeheim. Wir grenzen uns gegenseitig aus, wenn wir Freude und Leid verarbeiten.

Als Christen sollten wir es besser wissen. Viele von uns haben aus ihren Wegen zur Heilung, mit Sorgen und inneren Konflikten umzugehen, ein Geheimnis gemacht. Damit verwehren wir uns aber nicht nur die eigene Gelegenheit, Zuspruch, Trost und Hilfe zu erfahren, sondern wir verwehren es auch anderen.

Glauben wir, dann glauben wir doch nicht allein.

Freuen wir uns, dann freuen wir uns doch mit anderen.

Sind wir geheilt, dann können wir doch auch andere heilen.