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Impuls zum 4. Sonntag im Jahreskreis - 31.01.2021

Impuls zum 4. Sonntag im Jahreskreis - 31.01.2021

von Pastor Joachim Köhler

Lesung aus dem Buch Deuteronomium: (Dtn 18,15-18)

 

Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören.

Der Herr wird ihn als Erfüllung von allem erstehen lassen, worum du am Horeb, am Tag der Versammlung, den Herrn, deinen Gott, gebeten hast, als du sagtest: Ich kann die donnernde Stimme des Herrn, meines Gottes, nicht noch einmal hören und dieses große Feuer nicht noch einmal sehen, ohne dass ich sterbe.

Damals sagte der Herr zu mir: Was sie von dir verlangen, ist recht.

Einen Propheten wie dich will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen. Ich will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm auftrage.

 

Immer wieder erzählt uns die Heilige Schrift von Menschen, die in besonderer Weise die Nähe Gottes spürten, und die so zu Zeugen und zu Boten Gottes geworden sind. Einer, der im Glauben des Volkes Israel eine besondere Stellung einnimmt, ist Mose. Von ihm hörten wir in der Lesung:

"Einen Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte erstehen lassen."

Einen Propheten wie mich ...  Doch was ist kennzeichnend für einen biblischen Propheten?

Ein Prophet ist einer, der aus seiner ganz und gar persönlichen Gotteserfahrung heraus seinen Finger auf die Wunden von Staat, Gesellschaft und Religion legt. Ein Prophet ist jemand, der es vermag, die Zeichen der Zeit zu deuten, und der es wagt, Visionen zu haben von einer neuen Gestalt menschlichen Lebens.

In dieser Hinsicht war Mose wirklich das Beispiel eines Propheten. Seine Beauftragung und seine Sicherheit gründete einzig und allein in seiner ganz persönlichen Gottesbegegnung. Aus dieser inneren Gewissheit machte er sich auf, den Mächtigen seiner Zeit (Pharao in Ägypten) gegenüberzutreten und seine Vision von einem freien Gottesvolk einzufordern.

"Einen Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte erstehen lassen."

Einen Propheten wie mich ...Viele Zeitgenossen Jesu sahen dieses Wort des Mose durch das Auftreten des Mannes aus Nazareth erfüllt. Denn auch Jesus hat die typischen Kennzeichen eines Propheten. Auch er handelt und wirkt aus seiner ganz persönlichen Gottverbundenheit. Auch er spricht zu Mächtigen wie Ohnmächtigen von seiner Vision menschlichen Lebens. Doch dabei ist er nicht einfach eine Wiederholung der alttestamentlichen Botschaft, so wie wir sie aus dem Umfeld des Mose her kennen. Mose führte das Volk in die Freiheit, doch die je persönliche Beziehung der einzelnen Menschen zu Gott stand nicht unter der großen Überschrift der Freiheit, sondern eher unter der Haltung der Gottesfurcht. Fürchten solle man Gott und sich ihm unterwerfen, denn er ist Herr und König.

Jesus dagegen legt diese Art, von Gott zu sprechen, ab: ihm geht es nicht mehr nur um die Freiheit des Gottesvolkes. Er will den Menschen in die je eigene Freiheit führen auch Gott gegenüber.

 

Freiheit - das ist eine Ursehnsucht des Menschen: nicht nur Freiheit unter den Völkern, sondern vor allem Freiheit im Glauben, Freiheit des Gewissens, Freiheit zu gehen und zu kommen, Freiheit des Einzelnen und die damit verbundene gleiche Würde aller.

Wir leben zu einer Zeit und in einem Land, in welchem diese Ursehnsucht des Menschen eingegangen ist in die Verfassung unseres Staates. Die ersten Abschnitte des Grundgesetzes garantieren die Freiheitsrechte des Einzelnen, wie zum Beispiel die Versammlungsfreiheit, die Freiheit des Gewissens, Bewegungsfreiheit oder auch die Religionsfreiheit.

In der jetzigen Corona-Krise sind viele unserer Freiheitsrechte jedoch deutlich eingeschränkt. Die Versammlungsfreiheit ist im Prinzip gänzlich ausgesetzt, und die Bewegungsfreiheit ist erheblich begrenzt. Allein die Religionsfreiheit ist bisher nicht angetastet. Dabei ist es wichtig, sich klar zu machen, dass die Religionsfreiheit mehr ist als nur die Freiheit des Gewissens. Religionsfreiheit meint das Recht eines jeden Menschen, die persönliche Glaubensüberzeugung in Form einer Religion oder Weltanschauung frei und öffentlich auszuüben. Dies umfasst auch die öffentliche Feier von Gottesdiensten.

Unsere Verfassung schützt also in besonderer Weise religiös-gottesdienstliche Versammlungen, mehr als z. B. die Versammlungen von Vereinen. Darum ist in der gesamten Corona-Krise das Recht der Religionsfreiheit seitens des Staates nicht angetastet worden. Wohl aber hat der Staat angeregt, dass die Religionsgemeinschaften von sich aus während des Corona-Lockdowns auf öffentliche gottesdienstliche Versammlungen verzichten.

Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben die großen Kirchen flächendeckend dies auch getan. Jetzt beim zweiten Lockdown sieht es etwas anders aus. Da wird es seitens der Kirchenleitung in die Verantwortung der einzelnen Pfarreien / Verbünde gelegt, ob öffentliche Gottesdiente gefeiert werden oder nicht.

In unserer Pfarrei St. Elisabeth haben die Verantwortlichen im PGR und im pastoralen Team die Entscheidung getroffen, in dieser Zeit auf öffentliche Gottesdiente zu verzichten. Auf der einen Seite können wir so einen Baustein dazu beitragen, dass Ansteckungsmöglichkeiten vermieden werden. Genauso wichtig ist uns aber auch der Gedanke der Solidarität mit den vielen in unserer Gesellschaft, die in ihrem Bereich auf "null" herunterfahren mussten, auch wenn sie gute Schutz- und Hygienekonzepte vorweisen konnten: da sind die vielen Geschäfte und Betriebe, Gaststätten und Vereine, die Schulen und Kitas, Museen und Theater, die vielen Künstler ...

Wir verstehen uns als Teil dieser Gesellschaft, eine Gesellschaft die nur gemeinsam die Herausforderungen dieser Krise bestehen kann. Darum wollen wir - bevor wir wieder begrenzt öffentliche Gottesdienste feiern - zumindest die Entscheidung der Politik abwarten, was im öffentlichen Leben nach dem 14.2.2021 möglich ist.

Für mich ist der christliche Glaube mit seinen jüdischen Wurzeln die große Religion der Freiheit. Mose führte das Volk Israel aus der Versklavung in die Freiheit und Jesus stellte wie kein anderer den Einzelnen mit seiner Würde in die Mitte religiösen Tuns. Darum ist es eine zutiefst christliche Aufgabe, sich für die Freiheitsrechte einzusetzen. Ebenso christlich ist es für mich aber auch, auf die Ausübung von Rechten zu verzichten, wenn dies dem Leben dient und zudem ein Zeichen dafür ist, dass wir in dieser Krise in unserer Gesellschaft alle an einem Strang ziehen. Darum bitte ich Sie, mit an diesem Strang zu ziehen - ganz bewusst in Solidarität mit so vielen in unserer Gesellschaft.

Dazu möge Gott uns alle segnen.