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Impuls zum 3. Sonntag im Jahreskreis - 24.01.2021

Impuls zum 3. Sonntag im Jahreskreis - 24.01.2021

von Diakon Richard Knoke

Evangelium: (Mk 1, 14-20)

Nachdem Johannes der Täufer ausgeliefert worden war, ging Jesus
nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die
Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an
das Evangelium!
Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her,
mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach. Als er ein
Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und
seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze
her. Sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit
seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

Es gibt zahlreiche Abhandlungen über das Leben zu Zeiten Jesu. In
Bildern, Karten und Schriften kann man sich Kenntnisse aneignen,
um einen Eindruck zu bekommen vom Wohnen, Leben und Arbeiten. Ziel ist es, sich einen besseren Eindruck machen zu können
von dem, was die Gleichnisse Jesu sagen wollen, seine Lehre aus
dem Alltag der Menschen heraus besser zu verstehen.
Der Beruf der ersten Jünger Jesu ist immerhin so prägend, dass wir
der Abhandlung eines hochgelehrten Professors nicht bedürfen. Wir
erfahren aus den Evangelien viel über die Erfordernisse des Fischerhandwerkes auf einem Binnensee. Auf jeden Fall deutlich
mehr als über den eigenen Lehrberuf des Nazarener Zimmermanns.

Friedbert Simon (Friedbert Simon / Pfarrbriefservice)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist also von Relevanz, dass Jesus Menschenfischer sucht, keine Menschenschreiner. Es gilt nicht, Menschen zu formen, nach den eigenen Vorstellungen umzugestalten und anzupassen. Es gilt, Menschen einzufangen wie sie sind: mit allen ihren guten und sogar mit ihren weniger guten Eigenschaften. Gefischt werden alle.  Unterschiedslos.

Sicher, der Fischer kann angesichts des Fangs immer noch entscheiden, welche Fische er behalten und welche er zurück ins Meer werfen will. Das muss er natürlich gewissenhaft und überlegt tun, denn womöglich fängt er etwas, was er nicht erwartet hat, aber dennoch unglaublich wertvoll ist.

Wer Menschen erreichen will, muss ebenso akzeptieren, dass er vielleicht nicht alle fängt, die er einnetzen will. Manche gehen durch die Maschen.

Oder vielleicht durch die nicht geflickten Löcher. Denn Löcher entstehen beim Fischen. Manche Botschaft, manche Bibelaussage, manches Gebet ist schon so ausgeleiert und abgenutzt, dass wir damit niemanden mehr beeindrucken können. So, wie der Fischer am See Genezareth regelmäßig seine Netze flicken muss, so müssen auch wir unseren Glauben und unsere Erzählungen immer wieder überprüfen und verjüngen. Das ist harte Arbeit, aber eine notwendige, denn jedes Loch, jeder Zweifel, jede Routine birgt die Gefahr, dass sich der Makel immer weiter ausweitet. Selbst das neueste und stärkste Netz nutzt sich ab und muss erneuert werden, so wie sich Kirche immer neu hinterfragen und an ihren Strukturen arbeiten muss, wenn sie noch Menschen gewinnen und begeistern will. Darum ist Kirche heute nicht mehr dieselbe wie zu Zeiten der Jünger – oder auch nur wie vor sechzig Jahren. Aber sie muss denselben Ursprung haben und denselben Zweck erfüllen. So wie mancher Fischer vielleicht noch das Netz seines Urgroßvaters benutzt, das so oft geflickt und erneuert worden ist, dass die meisten Stricke und Knoten nicht mehr dem des Vorfahren entsprechen, und das dennoch das Netz des Urgroßvaters ist: mit demselben Aufbau, dem Generationen zurückliegenden Ursprung und demselben Zweck.


Zu der harten Arbeit des Fischers gehört aber auch, dass er früh
aufstehen muss. Frühmorgens wird im Binnengewässer gefischt,
danach tauchen die Fische in tiefere Gewässer ab. Wie in der Re

densart „Dafür musst du aber früher aufstehen“ müssen auch die
Menschenfischer zum richtigen Zeitpunkt präsent sein – und zwar
mit ihrer vollen Zuwendung und ungebremsten Einsatz.
In der Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Menschen als Objekte und Konsumenten verschiedenster Lebensformen und Weltanschauungen muss Kirche stets wach bleiben, immer früh an vorderster Stelle sein. Die Zeit, da die christliche Botschaft mehr oder weniger das einzige spirituelle Angebot war, ist lange vorbei. Wenn wir in der Nachfolge Jesu Menschenfischer sein wollen, müssen wir
früh aufstehen, die Bequemlichkeit des Morgen-ist-ja-auch-nochein-Tag überwinden und Präsenz zeigen.
Das ist bestimmt zu Corona-Zeiten noch schwieriger. Dabei sind es
gerade solche Zeiten, die mit ihren Unsicherheiten und den offenen
Fragen nach dem Warum und dem Wohin Anknüpfungsmöglichkeiten für eine Glaubensbotschaft bieten. Daran, früher aufzustehen
und für die Menschen da zu sein, können wir sicher noch gemeinsam arbeiten.
Gemeinsam. Das ist auch so eine Eigenschaft des Netzfischens.
Ein Fischer allein kann nicht viel ausrichten. Sicher, er kann einzelne Fische angeln, einen nach dem anderen. Um seine Familie zu
ernähren, reicht das oft nicht.

Gemeinsam dagegen können große
Netze ausgebracht werden, volle Netze eingeholt, bei widrigem
Wetter der Seegang im schaukelnden Boot bewältigt werden.
Wie ist es denn um unsere Gemeinsamkeit als Menschenfischer
bestellt? Da gibt es gerade jetzt viele tolle Initiativen. Einzelne Priester, die hinter Mundschutz Haussegen anbieten, Ehrenamtliche, die quasi als Solisten Menschen in ihrer Isolation wahrnehmen und anrufen oder im Pflegeheim besuchen. Oder Botschaften in das Internet setzen, die vereinzelte Klicks generieren.

Vielleicht ist das sogar die größte Gefahr, die die aktuelle Pandemie-Lage mit sich bringt: dass uns die Gemeinschaft verlorengeht.
Nicht nur das Miteinander des Klönschnack vor der Kirche, sondern
das gemeinsame Wirken als Glaubensfamilie in ihrem Bemühen,
immer mehr Menschen zu erreichen und einzufangen.


Als Menschenfischer.
So, wie die Jünger, die damals berufen wurden.
So, wie auch wir berufen sind.
Gemeinsam.